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Politik und Gesellschaft | 23.06.2010

„Die ‚Generation Klima’ wagt neues Denken“

Diskussionsforum beim Deutsche Welle Global Media Forum, Foto: DW/K. DanetzkiZur Eröffnung des dreitägigen „Deutsche Welle Global Media Forum“ wies der Intendant des deutschen Auslandsrundfunks, Erik Bettermann, am 21. Juni 2010 auf die Rolle der Medien als „Chronisten und Interpreten des Kampfs gegen den Klimawandel“ hin. „Hier braucht es nach meiner Überzeugung einen Klimawandel in den Köpfen von Journalisten. Denn Berichterstattung muss über die Tagesaktualität weit hinaus reichen. Sie muss Impulse geben, Defizite, vor allem auch Lösungen und Perspektiven aufzeigen. Und Mut machen.“  
Die internationale Konferenz in Bonn stand unter dem Titel „The Heat Is On – Klimawandel und die Medien“. Mehr 1.500 Teilnehmer aus Wissenschaft und Politik, Wirtschaft und Medien aus 95 Ländern diskutierten über den Beitrag, den Medien leisten können, um Bewusstsein zu schaffen für eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit.
Bettermann sagte, „Journalisten können den Finger in die Wunde legen und mit gut recherchierten Geschichten zeigen, dass jeder Einzelne etwas tun kann“. Internet, Blogs und Twitter seien neue Foren zum Austausch von Ideen und Meinungen. Immer mehr Menschen beteiligten sich an diesem Diskurs. Bettermann: „Es wächst eine ‚Generation Klima’ heran, die neues Denken wagt, die neue Wege geht, die sich engagiert und die globale Verantwortung vor Ort umsetzt.“ Dies müssten die Medien aufgreifen und verstärken. „Sie können Bewusstsein schaffen für die unkalkulierbaren Folgen eines veränderten Klimas für Mensch und Umwelt. Aber genauso für die riesigen Potenziale, die eine Umstellung auf grüne Technologie und ökologisch verantwortliches Wirtschaften freisetzen kann – an Kreativität und Innovation, an neuen Arbeitsformen und Arbeitsfeldern, an neuer Lebensqualität.“

US-Wissenschaftler kritisiert Klimaskeptiker als „notorische Ignoranten“

„Die Diskrepanz zwischen den Aussagen von Wissenschaftlern und der Darstellung in den Medien ist in den USA so groß, weil die Journalisten aus Unwissenheit die Wissenschaftler nicht korrekt wiedergeben“, sagte die US-Wissenschaftlerin Naomi Oreskes in Bonn. Deshalb hätten die Klimaskeptiker dort solchen Einfluss. Gemeinsam mit Bob Ward vom Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment und dem ehemaligen BBC-Journalisten Alexander Kirby diskutierte Oreskes über die Rolle der Klimaskeptiker in den Medien.
Zu lange, so Oreskes, hätten die Medien das Thema als eine rein wissenschaftliche Diskussion betrachtet, die ideologisch begründet sei. „Doch die globale Erwärmung ist keine Debatte mehr, sondern ein wissenschaftlich belegtes Faktum.“ Die sogenannten Klimaskeptiker seien „keine ernsthaften Widersacher“, weil ihre Kritik nicht sachlich fundiert sei. Es handele sich eher um „notorische Ignoranten“.
Bob Ward attestiert den Medien in Großbritannien „Ignoranz in den Interviews“. Es sei erstaunlich, so Ward, dass viele von ihnen in der Klimadebatte nicht den „Unterschied zwischen Fakten und Fiktion“ erkennen würden, kritisiert der Wissenschaftler. Er räumt allerdings ein, dass auch die Forschung gravierende Fehler gemacht habe: „Der Weltklimarat war viel zu langsam in der Korrektur der Fehler, die gemacht wurden.“

Den Klimawandel "von unten" greifbar machen

„Die Medien müssen lernen, mehr als bisher die Herausforderungen der globalen Erwärmung über die Betroffenen selbst deutlich zu machen." Das sagte Roosevelt Jean-Francois, mehrfach ausgezeichneter Journalist aus Haiti, beim Global Media Forum. Gemeinsam mit Gavin Rees, Direktor des europäischen Dart Center für Trauma und Journalismus, bestritt er einen Workshop über Formen der Berichterstattung, die Herausforderungen und Auswirkungen des Klimawandels greifbar machen will.
Niemand könne vorhersagen, was geschehen werde, so Jean-Francois: „Entscheidend ist, wie wir darüber berichten." In Interviews mit den Opfern von Umweltkatastrophen dürfe neben Professionalität der Respekt nicht fehlen, so der Journalist. Nach der Erdbebenkatastrophe in seinem Heimatland sei diese Berichtskultur „von unten" ein wesentlicher Grund für die weltweite Hilfsbereitschaft gewesen: „Weil wir auf diese Weise bei der Öffentlichkeit Empathie erzeugen."
Auch Gavin Rees stellt hohe Anforderungen an die Professionalität der Journalisten, in schwierigen Szenarien angemessen zu berichten. Für ihn heißt das: „Journalisten müssen mit ihrem Wissen einen anderen Blick auf Situationen haben als zum Beispiel Politiker. Sie sollten dabei stets auf die Auswirkungen für die Menschen schauen und dies auf keinen Fall nur oberflächlich."

Auszeichnung für einen Blog in Kenia

„Ushahidi.com ist eine in Afrika entwickelte Plattform, die vor allem eines verändert: die Art und Weise, wie Informationen fließen bei Ereignissen, bei denen Menschenrechte gefährdet sind.“ Das sagte Erik Hersman, einer der Gründer des Weblogs am 22. Juni auf dem Global Media Forum wurden die Preise des internationalen Blog-Awards „The BOBs“ verliehen. Das Blog „Ushahidi.com“ (deutsch: Zeugenaussage) ist Sieger des diesjährigen Wettbewerbs der Deutschen Welle. Ein Team von Afrikanern und US-Amerikanern hat es in Kenia entwickelt. Die Plattform ermöglicht es, zum Beispiel Informationen aus Konfliktregionen und Katastrophengebieten auf einer interaktiven Karte zu visualisieren.
In der Kategorie „Spezialpreis Klimawandel“ hat Bruno Rezende aus Brasilien für sein Blog „Coluna Zero“ (deutsch: Säule Null) die Auszeichnung erhalten. „Mein Anliegen ist es, dass Menschen den Konsum verringern, den maßlosen Konsum“, sagte Rezende.
Den Preis für das beste deutsche Blog nahm Stefan Sichermann entgegen. Er veröffentlicht in „der-postillon.com“ täglich Satire-Nachrichten. „Ehrliche Nachrichten – unabhängig, schnell, seit 1845“ lautet das Motto des Postillon. Sichermann bedankte sich bei der Preisverleihung ausdrücklich bei den Politikern in Berlin. „Sie machen mir derzeit die Arbeit sehr leicht.“

Gesicherte und verlässliche Informationen erforderlich

Zum Abschluss der internationalen Konferenz sagte der Fernsehdirektor der Deutschen Welle, Christoph Lanz, Journalisten müssten bei dem komplexen Thema Klimawandel besonders hohe professionelle Maßstäbe anlegen. „Wir müssen gesicherte und verlässliche Informationen zur Verfügung zu stellen. Wir müssen in der Lage sein, in der Flut von Informationen die unterschiedlichen Quellen zu beurteilen.“ Die Medien sollten auf einfache und verständliche Weise nicht nur über die Probleme des Klimawandels informieren, sondern auch Lösungen aufzeigen – „und dabei die Menschen und ihren Alltag in den Mittelpunkt stellen“, so Lanz.
Vertreter aus Wissenschaft und Politik, Wirtschaft und Medien gingen in über 50 Workshops der Frage nach, welchen Beitrag Medien leisten können, um Bewusstsein zu schaffen für eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit. Die Diskussionen in den Workshops hätten deutlich gemacht, resümierte Lanz, dass Maßnahmen gegen den Klimawandel insbesondere von Wirtschaft und Industrie zu erwarten seien. Umweltfreundliche Technik und Produktion würden sich nach Meinung vieler Experten zu einem Wachstumstreiber entwickeln. Dies müssten die Medien vermitteln und zugleich darstellen, welche Möglichkeiten jeder einzelne habe, aktiv zum Klimaschutz beizutragen. Lanz wies darauf hin, dass dies auch eine Erwartung der Menschen an die Medien sei, wie eine weltweite Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Synovate zeige.
(Frank Kürschner-Pelkmann auf der Grundlage von Berichten der Deutschen Welle)


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