Süddeutsche Zeitung Am Samstagmittag hatten sich die Demonstranten auf dem Platz vor dem dänischen Parlament versammelt, Umweltschützer, Gewerkschafter, Menschenrechtler. Die indische Umweltaktivistin Vandana Shiva war gekommen, der neue Greenpeace-Chef Kumi Naidoo, das dänische Top-Modell Helena Christensen. Aber niemand stimmte die Menge besser auf die Demo ein als eine resolute Dame aus Uganda. Und das mit einer ziemlich nüchternen Schilderung. Das Dorf, aus dem sie stamme, sei vor einigen Jahren von einer Flut heimgesucht worden. "Die Leute flohen, und als sie wiederkamen, war ihr Dorf weg", beschrieb sie. Sie kamen zurück, bauten ihre Häuser wieder auf.
"Dann kam die Malaria." Der Malaria wiederum, so fuhr sie fort, folgte eine Trockenperiode. "Und als wäre all das nicht genug, kam diesen Sommer die nächste Flut." Das Dorf ist nun verlassen.
"Wir kommen heute zu den Weltführern", schloss sie, "damit sie begreifen, dass sie unsere Zukunft sichern müssen." Das saß.
Nicht minder eindrucksvoll war wenig später die Rede des Südafrikaner Kumi Naidoo bei einem seiner ersten großen öffentlichen Auftritte. "Wenn Ihr im Dezember 2009 aus Kopenhagen heimkommt", so appellierte er an die Staats- und Regierungschefs, "dann müsst ihr euren Kindern und Enkeln in die Augen schauen können und sagen: Ja, wir haben es geschafft." ...
"Wir können die Wissenschaft nicht ändern", rief Naidoo den 100.000 zu.
"Wenn wir die Wissenschaft nicht ändern können, müssen wir die Politik ändern. Und wenn wir die Politik nicht ändern können, müssen wir die Politiker ändern." Jubel.
In den vergangenen Tagen hatte sich schon abgezeichnet, dass die Demonstration weit mehr Zulauf haben würde als die ursprünglich 20.000 erwarteten Teilnehmer. Noch am Freitag war die Prognose auf 50.000 Demonstranten heraufgesetzt worden. Mit 100.000 aber hatte keiner gerechnet ...
Vor den Türen des Kongresszentrums kam es indes zu Ausschreitungen. Die dänische Polizei nahm etwa 400 Menschen fest. Bei ihnen handele es sich um Mitglieder des gewaltbereiten Schwarzen Blocks, teilte die Polizei am Abend mit. Die mit Steinen und Knüppel bewaffneten Vermummten hätten sie sich unter die Teilnehmer des Demonstrationszugs gemischt, während diese zum Tagungszentrum des Klimagipfels zogen.
Die Autonomen hätten zudem Knaller gezündet, sagte Polizei-Vizechef Per Larsen. Schon kurz nach Beginn des Protestzugs hatte eine Gruppe von 300 Menschen laut Polizei in der Innenstadt Fensterscheiben eingeworfen.
Begleitet von einem starken Polizeiaufgebot versammelten sich schon Stunden vor Beginn des Demonstrationszugs zum Tagungszentrum des Weltklimagipfels Tausende Demonstranten in der dänischen Hauptstadt. Das Motto der Veranstaltung lautete "Genug über das Klima geredet - jetzt müssen Taten folgen".
Bei strahlendem Sonnenschein und winterlicher Kälte verbreitete sich Volksfeststimmung, gleichzeitig gab es ernste Töne von der Rednerbühne: "Wie lange wollen die Staatsführer noch zulassen, dass Menschen bei uns durch den Klimawandel sterben?", rief die Sängerin Angelique Kidjou aus dem westafrikanischen Benin zornig ins Publikum.
Viele Aktivisten waren in bunte Kostüme gewandet. Etliche hatte sich als Pandabären verkleidet, weil die Art vom Klimawandel bedroht ist. Ein Teilnehmer warnte im Weihnachtsmann-Outfit vor den Folgen des Klimawandels: "Mein Rentier Rudolph kann das nicht länger ertragen", hieß es auf seinem Plakat ...
Die Sicherheitskräfte waren nach Internetappellen gewaltbereiter linker Organisationen in höchster Alarmbereitschaft. Zu der Kundgebung hatten mehr als 500 Nichtregierungsorganisationen aus 70 Ländern aufgerufen. Nach dem Start des Protestzugs vom Parlamentssitz Schloss Christiansborg zum Konferenzzentrum kam es zu Ausschreitungen. Demnach schlugen rund 300 schwarz gekleidete Demonstranten Schaufenster ein ...
In Australien zählten die Veranstalter rund 50.000 Demonstranten. In Hongkong trugen einige der Protestteilnehmer Rettungsringe mit der Aufschrift "Klimawandel tötet. Jetzt handeln und Leben retten". In der philippinischen Hauptstadt Manila trugen die Menschen rote T-Shirts als Zeichen für die "Alarmstufe Rot", in der sich die Klimaverhandlungen eine Woche vor ihrem Ende ihrer Ansicht nach befinden. In Berlin wollten am Abend Menschen mit einer Lichterkette vor dem Brandenburger Tor für ein gerechtes und verbindliches Abkommen in Kopenhagen demonstrieren.
Nach Ausschreitungen bei der Großdemonstration von Umweltaktivisten in Kopenhagen hat die dänische Polizei rund 400 Menschen festgenommen. Dies teilte sie am Samstagabend mit. In der dänischen Hauptstadt demonstrierten am Rande des Weltklimagipfels mehrere zehntausend Menschen für besseren Umweltschutz.
„Genug über das Klima geredet - jetzt müssen Taten folgen!“ Mit dieser Forderung haben zehntausende Menschen aus aller Welt am Samstag in Kopenhagen für ein weit gehendes Abkommen beim UN-Klimagipfel und schnelle Klimahilfe für arme Länder demonstriert. Bei strahlendem Sonnenschein und winterlicher Kälte verbreitete sich Volksfeststimmung mit gleichzeitig sehr ernsten Tönen von der Rednerbühne ...
„Wir haben als Menschheit der Natur auf unserem Planeten eine zu große Last aufgebürdet. Jetzt müssen wir gemeinsam sehr schnell Verantwortung übernehmen“, sagte als international bekannteste Kundgebungsrednerin, die Dänin Helena Christensen. Das jetzt als Fotografin tätige Ex-Supermodel verlangte vom amerikanischen Präsidenten Barack Obama weiterreichende Zusagen für den Klimaschutz, wenn er Ende nächster Woche persönlich in Kopenhagen mit Vertretern der anderen 191 Staaten ein neues Klima-Abkommen aushandelt: „Die USA müssen einsehen, dass sie mit ihrer Macht enormen Einfluss darauf haben, was im Klimaschutz passieren kann.“ ...
Die dänische Polizei ging am frühen Abend massiv und „vorbeugend“ gegen mutmaßliche Randalierer vor. Nach Medienangaben wurden etwa 400 Personen festgenommen. Die Festnahmen seien vorbeugend erfolgt, weil die Polizei kriminelle Absichten während des Marsches zum Tagungsort der UN-Klimakonferenz vermutet habe. Nach drastischen gesetzlichen Verschärfungen zum Demonstrationsrecht wegen des Klimagipfels kann die Polizei in Dänemark Personen auf bloßen Verdacht krimineller Handlungen für zwölf Stunden in Haft nehmen. Für die Demonstrationen zum Klimagipfel waren eigens vergitterte Massen-Arrestzellen in einer alten Lagerhalle eingerichtet worden.
Am Abend ging die Polizei dann auch massiv gegen mutmaßliche Randalierer vor. Nach Behördenangaben wurden 960 Demonstranten festgenommen. Die Festnahmen seien ganz überwiegend „vorbeugend“ erfolgt, weil die Polizei kriminelle Absichten während des Marsches zum Tagungsort der Klimakonferenz vermutet habe. Unter den Festgenommenen war auch eine Deutsche, die Steine geworfen haben soll. Bei Krawallen am Rande der Demonstration wurden ein Polizist und ein schwedischer Demonstrant leicht verletzt.
Insgesamt hatten 515 Organisationen aus nahezu siebzig Ländern für dieses Wochenende zu Protestaktionen in Kopenhagen aufgerufen, darunter deutsche, britische, italienische und niederländische. Zeitgleich fanden auch in Australien und in Hongkong – wo sich einige Demonstranten als Pandabären verkleidet hatten – Kundgebungen statt. Die australischen Veranstalter meldeten aus Canberra, Sydney, Melbourne und anderen Städten rund 50 000 Teilnehmer. Auf den Philippinen versammelten sich Studenten zu einem Protest vor dem Rathaus von Manila. Auch in weiteren Ländern der Asien-Pazifik-Region gingen viele Menschen auf die Straßen, um Druck auf die Verhandlungen beim Klimagipfel in Kopenhagen auszuüben. In Indonesien versammelten sich mehrere Aktivisten vor der US-Botschaft in Jakarta und forderten Hilfe für die Entwicklungsländer bei der Treibhausgasreduzierung.
Während der ersten 800 Meter des Demonstrationszuges fliegen einige Wurfgeschosse in die Scheiben des Börsengebäudes, des Außenministeriums, später ein einzelner Stein in das Schaufenster einer Filiale der "Danks Bank" im Stadtteil Christianshavn.
300 Meter weiter kommt dann überraschend der Zugriff der Polizei. Gegen 15.10 Uhr durchkreuzt zunächst ein Greiftrupp die Demo. Direkt hinter ihm fahren gepanzerte Mannschaftswagen. In wenigen Minuten ist die Stelle mit kreuz und quer parkenden Polizeibussen blockiert. Auf der Höhe des "libertär-sozialistischen"-Blocks, im "System Change, not Climate Change"-Abschnitt wird etwa das letzte Viertel von den vorausgehenden, NGO-dominierten Demonstranten abgetrennt. Für die Menschen im Demozug kommt der Zugriff völlig überraschend. Einige weichen in Seitenstraßen aus, mehrere hundert werden in Sekundenschnelle eingekesselt. Akkreditierte Journalisten, auch dänische TV-Teams, die die Einkesselung beobachten wolle, werden von der Polizei weggestoßen.
Wenige Minuten nach dem Zugriff leitet die Polizei den Demonstrationszug um. Ordner halten die Leute dazu an, nicht bei den Gefangenen zu bleiben, sondern weiterzugehen, "sonst gibt es hier nur noch mehr Gewalt". Gegen 17 Uhr erreicht der Zug das sechs Kilometer weiter südlich gelegene "Bella Center". Die dänische Umweltministerin und Konferenzpräsidentin, Connie Hedegaard nimmt zusammen mit dem Chef des UN-Klimasekretariats, Yvo de Boer, vor dem Tagungszentrum eine Resolution mit den Forderungen der Demonstranten entgegen. "Ihr habt Recht, wir haben genug geredet und müssen jetzt handeln", sagt sie.
Die Eingekesselten müssen derweil bis zu vier Stunden im "Fischgrätenmuster" in langen Reihen bei Minusgraden auf dem Boden sitzen. Ihre Arme sind auf dem Rücken mit Kabelbindern gefesselt, nur zögerlich lässt die Polizei die anwesenden Journalisten wieder zu den Gefangenen vor. Erst nach 18 Uhr beginnt die Polizei, sie mit Bussen zu einer Sammelstelle abzutransportieren. Etwa 150 Menschen, darunter die Sambagruppe "Rhythms of Resistance", harren den ganzen Nachmittag vor dem Kessel aus und fordern mit Sprechchören, die Gefangenen freizulassen. Als eine Flasche auf einen Polizeiwagen fliegt, drängt die Polizei die Menge mit Schäferhunden einige hundert Meter weit ab. Das dänische Fernsehen überträgt bis in den späten Abend Livebilder vom Kessel.
An weiteren Stellen in der Stadt nimmt die Polizei bei Kontrollen Demonstranten fest, die vom Bella Center zurückkehren. Am Abend sagt ein Polizeisprecher zur taz, es seien "bis zu 700 Menschen" festgenommen worden – also 230 Menschen je zerstörter Fensterfront. Diese Zahl könne aber auch "noch weiter steigen", so der Polizeisprecher.
Und in der Tat: Zwei Stunden später steigt die offizielle Zahl auf 900 Gefangene, obwohl es am Abend weder Ausschreitungen noch Demonstrationen gab. Die Festgenommenen würden erkennungsdienstlich behandelt und innerhalb von elf Stunden freigelassen, so die Polizei. Ausgenommen seien diejenigen, denen die Beteiligung an einer Straftat nachgewiesen werden könne. Die Festnahmen seien "ganz überwiegend vorbeugend" erfolgt, weil "kriminelle Absichten" vermutet wurden, heißt es gegenüber der Agentur ap. Die Einsatzleitung "bedauere, falls Unschuldige darunter seien". Unter den Festgenommenen sei auch eine Deutsche, die Steine geworfen haben soll. Ein Polizist und ein schwedischer Demonstrant seien leicht verletzt worden. (Zusammenstellung: FKP)
Foto: Courtesy IISD