„Wir müssen Freiräume schaffen, damit andere noch die Wahl haben. Wir haben noch die Wahl, andere nicht mehr.“ So fasste Professor Dr. Karl-Heinz Meier-Braun, Redaktionsleiter vom Südwest-Rundfunk International, ein Ergebnis der Podiumsdiskussion zum Thema „Klimawandel und Migration“ zusammen. Diese Diskussion fand am 30. November 2009 im Rahmen der Fachtagung „Migration im Fokus – menschliche Entwicklung, Klimawandel, Frauen“ der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen in Berlin statt, die die Veranstaltung in Kooperation mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) durchgeführt hat.
Bei der Podiumsdiskussion wurde deutlich, wie sich der nicht mehr zu verhindernde Klimawandel auf die Migrationsströme auswirkt. Immer mehr Menschen im Süden der Welt sehen sich gezwungen, angesichts der Folgen des Klimawandels ihre Heimat zu verlassen. Damit sie noch eine Wahl haben, ist eine andere Klimapolitik in Industriestaaten wie Deutschland dringend erforderlich.
Professor Cord Jakobeit von der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Universität Hamburg stellte in einem Impuls-Referat dar, dass es nach seriösen wissenschaftlichen Schätzungen im Jahre 2050 etwa 150 bis 250 Millionen Menschen geben wird, die als Folge des Klimawandels ihre Heimat verlassen müssen. Die Zahlen sind schon deshalb ungenau, weil sich die Bestimmung, wer ein Klimaflüchtlingen ist, schwierig gestaltet: „Klimawandel führt nicht per se zur Flucht, sondern es müssen eine ganze Reihe anderer Bedingungen erfüllt sein. Es gibt keinen monokausalen Zusammenhang.“
Zu den direkten Fluchtursachen gehören der Anstieg des Meeresspiegels, extreme Wetterereignisse, Dürre und Wasserknappheit. Besonders gefährdet sind die Bewohner der flachen Flussdeltagebiete sowie von kleinen Inseln, die oft nur wenige Meter aus dem Meer ragen und deshalb dem Anstieg des Meeresspiegels und immer stärkeren Stürmen schutzlos ausgeliefert sind. Weltweit gilt: „Diejenigen, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind, sind am wenigsten für die Ursachen verantwortlich. Sie haben die geringsten Anpassungsmöglichkeiten und die geringsten Möglichkeiten der Reaktion darauf.“ Aber auch in Industriestaaten gibt es große Unterschiede, wenn es darum geht, mit Wetterextremen fertig zu werden. Professor Jakobeit verwies darauf, was die Folgen des Hurrikans Kathrina in New Orleans gelehrt haben: „Wenn es um Wetterextreme geht, sind die Ärmsten besonders betroffen.“
In der Geschichte waren die Menschen immer wieder in der Lage, sich an extreme Wetterereignisse und Klimaveränderungen anzupassen. Es stellt sich nach Einschätzung von Professor Jakobeit aber die Frage, ob eine solche Anpassung auch bei den Folgen des gegenwärtigen Klimawandels möglich sein wird. Das hängt u.a. davon ab, ob genügend ökonomische Ressourcen für die Anpassung zur Verfügung stehen, ob geeignete Technologien genutzt werden können, ob es alternative Erwerbsmöglichkeiten gibt und welche institutionellen Kapazitäten vorhanden sind.
Damit überhaupt eine Anpassung möglich bleibt, ist es nach Überzeugung von Professor Jakobeit erforderlich, die klimaschädlichen Emissionen bis 2050 um 80% zu vermindern. Aber selbst bei einer solchen Reduktion ist nicht sicher, ob es zu unumkehrbaren Prozessen des Klimawandels kommt.
Dr. Koko Warner von der Universität der Vereinten Nationen in Bonn stellte bei der Podiumsdiskussion einige Ergebnisse der Studie „In Search of Shelter – Mapping the Effects of Climate Change on Human Migration and Displacement“ dar, an der sie mitgearbeitet hat. Zu den für die Studie ausgewählten Beispielen für Klimawandel und dadurch ausgelöste Migration gehören das Schmelzen der Gletscher des Himalaja, die Zerstörung landwirtschaftlicher Regionen in der Sahelzone in Westafrika und die Folgen des steigenden Meeresspiegels für den Lebensraum Mekongdelta. Auf einer Karte zeigte Dr. Warner eindrucksvoll, wie viel Land im Mekongdeltagebiet bei einem Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter und um zwei Meter verloren gehen würde. Bei einem Anstieg um zwei Meter wäre dies fast die Hälfte des bisher intensiv genutzten Reisanbaugebietes, und mehr als 14 Millionen Menschen wären zur Migration gezwungen.
Koko Warner zitierte einen Flüchtling aus Niger, der am Tschadsee gelebt hatte, einem der am stärksten schrumpfenden Seen Afrikas. Er gehört zu denen, die indirekt vom Klimawandel betroffen sind: „Ich wohnte früher im Gebiet des Tschadsees. Meine Aktivitäten hingen nicht direkt mit dem See zusammen, ich war Händler. Aber als der See austrocknete, zogen viele Menschen, die vom See abhingen, in andere Gebiete. Das hat mein Geschäft so negativ beeinflusst, dass ich nach Nigeria migrieren musste.“ Es gibt in der Region südlich der Sahara schon früher häufig Wanderungsbewegungen, aber jetzt ziehen die Menschen in Etappen immer einige Kilometer weiter, um überleben zu können und haben keine Möglichkeit, in die ursprünglichen Wohngebiete zurückzukehren, weil sich hier die Wüste ausgebreitet hat.
Angesichts dieser Forschungsergebnisse betonte Koko Warner bei der Fachtagung, „Anpassungsmaßnahmen sind jetzt erforderlich, nicht erst in der Zukunft“. Ihr Appell: „Wir brauchen Hoffnung. Wir müssen jetzt Lösungen finden, nicht erst die Generationen unserer Kinder und Enkel.“ Dem schloss sich in der Diskussion Rixa Schwarz von Germanwatch an, die gemeinsame internationale Initiativen einforderte: „Wir leben in einer Welt, und es wird sehr viel Umdenken gebraucht.“
Dr. Fei Tevi, der Generalsekretär der Pazifischen Kirchenkonferenz, hinterließ bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Fachtagung einen tiefen Eindruck durch seine bewegende Darstellung, was Klimawandel für die Menschen vor Ort bedeutet. Er berichtete über einen kürzlichen Besuch des Inselstaaten Kiribati: „Für diese Menschen ist Migration keine abstrakte Frage, sondern eine Frage des Überlebens. Wohin gehen wir? Was wird unseren Kindern passieren? Was geschieht mit unserer Kultur?“
Der Generalsekretär der Pazifischen Kirchenkonferenz appellierte an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung, die Menschen hinter den Statistiken über die Folgen des Klimawandels zu sehen: „Wenn man von der großen Zahl der Migranten spricht, wird das dramatische Ausmaß der Situation erst sichtbar, wenn man die Gesichter hinter den Zahlen sieht. Und wenn man in die betrübten Augen der Menschen schaut, die nicht wissen, was sie tun sollen, die keine Antworten mehr finden.“
Fei Tevi plädierte dafür, eine Migration von Menschen, die vom Klimawandel betroffen sind, nicht von oben herab zu planen. Die betroffenen Menschen selbst müssten gefragt werden, ob, wann und wohin sie umgesiedelt werden wollen. Die Aufgabe der nationalen Regierungen und internationalen Organisationen sei es dann, sie dabei zu unterstützen, ihre Entscheidungen umzusetzen. Nach seinem Besuch in besonders vom Klimawandel bedrohten Inselgruppe Kiribati ist Fei Tevi deutlich geworden: „Migration als Folge des Klimawandels ist eine emotionale Frage. Es geht nicht nur um abstrakte Zahlen. Es geht um Leben. Es geht um Menschen. Und es geht um unsere Zukunft.“
Im Blick auf die bevorstehende UN-Klimakonferenz in Kopenhagen erklärte der Generalsekretär der Pazifischen Kirchenkonferenz: „Die pazifischen Vertreter bringen eine Botschaft der Hoffnung nach Kopenhagen. Es ist die Botschaft, dass wir uns verändern können. Wir können immer noch ein ambitioniertes, verbindliches Abkommen erreichen.“ (Frank Kürschner-Pelkmann)
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