Durch den Klimawandel könnten sich in Zukunft die Lebensbedingungen in verschiedenen Teilen der Welt deutlich verschlechtern. Migration ist eine der Anpassungsoptionen – in verschiedener Hinsicht. Dies geht aus dem neuen “Bericht über die menschliche Entwicklung 2009“ (“Human Development Report“ – HDR) hervor, der am 5. Oktober 2009 in Berlin vorgestellt worden ist. Unter dem Titel “Barrieren überwinden: Migration und menschliche Entwicklung“ untersucht das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) die Rolle der Migration bei der Minderung von Armut. Der Bericht macht deutlich, dass Migration für die menschliche Entwicklung förderlich sein kann: für die Migranten selbst ebenso wie für die Gesellschaften in den Herkunfts- und Zielländern.
Grundsätzlich spiegelt Migration das Bedürfnis der Menschen wider, ihre Existenzgrundlage zu verbessern. Angesichts auseinanderdriftender wirtschaftlicher und demografischer Trends wird der Migrationsdruck in den kommenden Jahrzehnten voraussichtlich weiter zunehmen. Auch die Umwelt beeinflusst Wanderungsbewegungen, von Hirtennomaden, die nach dem Regen den günstigen Weidebedingungen folgen, bis hin zu Menschen, die durch Naturkatastrophen wie dem Tsunami im Indischen Ozean oder Hurrikan Katrina ihr Zuhause verlieren.
Schätzungen der Anzahl der Menschen, die infolge des Klimawandels gezwungen sein werden, ihre Heimat zu verlassen, reichen von 200 Millionen bis hin zu einer Milliarde. Auch die Autorinnen und Autoren des HDR verfügen nicht über gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse, um diese Zahlen zu stützen. Zum größten Teil geben die Schätzungen die Anzahl der Menschen wieder, die dem Risiko großer Klimaereignisse ausgesetzt sind, berücksichtigen aber keine etwaigen Anpassungsmaßnahmen. „Daher ist es schwierig zu wissen, ob solche zwangsläufig groben Schätzungen eine durchdachte öffentliche Debatte eher befördern oder behindern“, heißt es im HDR 2009.
Die Auswirkungen des Klimawandels auf menschliche Siedlungen hängen auch davon ab, wie die Klimaveränderungen auftreten – ob als einzelne Ereignisse oder als andauernde Prozesse. Wirbelstürme oder Sturmfluten treten plötzlich und oft auf dramatische Weise auf und zwingen die Menschen, schnell sicherere Orte aufzusuchen. Zu den allmählich stattfindenden Veränderungen zählen der Anstieg der Meeresspiegel, die Versalzung oder Erosion landwirtschaftlicher Flächen und die zunehmende Wasserknappheit.
Bei einem Anstieg der Meeresspiegel um einen Meter sind gegenwärtig etwa 145 Millionen Menschen gefährdet, heißt es im HDR 2009. In einigen Fällen wird der Anstieg des Meeresspiegels die Umsiedlung ganzer Gemeinschaften erzwingen. Angesichts der Wahrscheinlichkeit, dass ihre Inselgruppe untergehen wird, denkt die Regierung der Malediven darüber nach, als sichere Zuflucht Land in anderen Ländern zu kaufen.
Migration – ob zeitlich befristet oder auf Dauer – stellt unter den Anpassungsstrategien nur ein Element dar, doch in einigen Fällen könnte sie der einzige Ausweg sein. „Migration ist kaum Ausdruck einer einfachen Entscheidung”, sagt Jeni Klugman, Hauptautorin des Berichts. „Für viele Menschen ist sie das Nachspiel von Konflikten, Naturkatastrophen oder großer wirtschaftlicher Not.“ Menschen, die zur Flucht gezwungen sind und ihr Heim und ihre Besitztümer zurücklassen müssen, können nicht einschätzen, welche Chancen sie in Zukunft einmal haben werden. Sie wissen nur, dass sie nicht in der Heimat bleiben können.
Allerdings migrieren nach Naturkatastrophen oft gerade nicht die anfälligsten und besonders betroffenen Menschen, stellt der Bericht fest. Denn gerade die Ärmsten der Armen haben dafür gar nicht die Mittel, nach einer Naturkatastrophe schon gar nicht. Zum Beispiel wurde in empirischen Untersuchungen in Mexiko festgestellt, dass die Auswirkungen von Niederschlagsveränderungen auf die Migrationsmuster durch sozioökonomische Bedingungen bestimmt werden sowie dadurch, ob die Menschen überhaupt in der Lage sind, die Kosten ihres Wegzugs zu tragen. In für den HDR 2009 durchgeführten Hintergrundrecherchen zur Migration nach dem Hurrikan Mitch in Nicaragua wurde festgestellt, dass es – im Vergleich zu reicheren Familien –unwahrscheinlicher war, dass ärmere Familien vom Lande migrierten.
Gerade in klimabedingten Notsituationen zeigt sich, wie wichtig die Geldtransfers von Migranten sind, die ihre Familien in der Heimat unterstützen. Haushalte streuen durch Migration einzelner Angehöriger ihre Einkommensquellen, und die Familien sind so besser gegen Rückschläge abgesichert. Dazu zählen Krankheiten, aber auch größere Schocks durch Wirtschaftskrisen, politische Konflikte oder Naturkatastrophen. Insgesamt betragen die internationalen Geldtransfers der Migranten in die Entwicklungsländer rund das Vierfache der gesamten offiziellen Entwicklungshilfe (ODA). Doch auch Binnenmigration trägt zur Entwicklung und Absicherung der Familien bei. Erfahrungen aus Bangladesch, China, Indien, Indonesien, Mexiko und Tansania haben gezeigt, dass die Armutsquote in den Haushalten gesunken ist, aus denen mindestens ein Familienmitglied innerhalb des eigenen Landes umgezogen ist.
Migranten können insbesondere dann einen Schutz bieten, wenn ihr Einkommen hoch genug ist und nicht parallel zu dem ihrer Familien sinkt. Dies hängt von der Art und Reichweite der Katastrophen ab sowie vom Aufenthaltsort der Migranten. Studien in so unterschiedlichen Ländern wie Botswana, El Salvador, Jamaika oder den Philippinen haben gezeigt, dass Migranten nach wetterbedingten Katastrophen mehr Geld in die Heimat schicken. Allerdings sei es schwierig nachzuweisen, dass dies faktisch als eine Art Versicherung dient, heißt es im HDR.
Als weitere Beispiele nennt der Bericht den Wirbelsturm Jeanne in Haiti 2004, der Tsunami in Indonesien und Sri Lanka 2004 sowie das Erdbeben in Pakistan 2005. In einer Stichprobe armer Länder wurde festgestellt, dass durch höhere Geldtransfers von Migranten etwa 20 Prozent der durch Wirbelstürme verursachten Schäden ausgeglichen wurden. Auf den Philippinen konnten auf diese Weise etwa 60 Prozent des Einkommensrückgangs ausgeglichen werden, der auf niederschlagsbedingte Schäden zurückzuführen war. In El Salvador erhöhte sich nach Ernteausfällen durch wetterbedingte Schocks die Wahrscheinlichkeit, dass Familien ein Mitglied als Arbeitsmigrant in die Vereinigten Staaten schicken, um 24 Prozent.
Natürlich sind Umweltfaktoren nicht die einzigen Bestimmungsfaktoren für Migration. Im HDR stehen sie nicht einmal im Vordergrund. Die bedeutendste Rolle spielen die Chancen zur Sicherung des Lebensunterhalts. Auch die Migrationspolitik hat deutlichen Einfluss. Der vorangegangene “Bericht über die menschliche Entwicklung 2007/2008: Den Klimawandel bekämpfen – menschliche Solidarität in einer geteilten Welt“ hat deutlich gemacht: „Katastrophale Risiken für zukünftige Generationen lassen sich nur dann vermeiden, wenn die internationale Gemeinschaft jetzt handelt.“ Der neue Bericht zum Schwerpunkt Migration kommt zu dem Schluss, dass sich auch wertvolle Chancen für die menschliche Entwicklung nur dann nutzen lassen, wenn die Regierungen jetzt handeln, migrationspolitische Reformen umsetzen und die Vorteile der Migration besser zur Geltung bringen. Zwar sei Migration kein Allheilmittel für die Probleme eines Landes, doch sie müsse beim Entwerfen entwicklungspolitischer Strategien in Betracht gezogen werden. (Christina Kamp)
Die deutsche Fassung des „Berichts über die menschliche Entwicklung 2009“ wird von der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen herausgegeben. Der Bericht kann bestellt werden beim
UNO-Verlag in Bonn.