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Politik und Gesellschaft | 07.08.2009

Ein Planet vor der Überhitzung

Konsequenter Klimaschutz kann ein Weg aus der Wirtschaftskrise sein. Dies macht der neue Bericht "Zur Lage der Welt 2009" des Washingtoner Worldwatch-Instituts deutlich, der unter dem Titel "Ein Planet vor der Überhitzung" in deutscher Ausgabe erschienen ist. Wenige Monate vor der Kopenhagener Weltklimakonferenz gibt der Bericht einen Überblick über die politischen Herausforderungen, mit dem Klimawandel umzugehen. Die Technologien und menschlichen Fähigkeiten seien vorhanden, allein es fehle der politische Wille. Der aber sei eine „erneuerbare Ressource“, heißt es in dem Bericht.

Ende dieses Jahrhunderts könnte die globale Durchschnittstemperatur bis zu sechs Grad höher sein als zu Beginn der Industrialisierung, warnt der Bericht und plädiert für ein groß angelegtes "Joint Venture" für Klima- und Energiesicherheit zwischen Industrie- und Schwellenländern. Der Bericht basiert auf den Erkenntnissen des Vierten Sachstandsberichts des Weltklimarates (IPCC) und zeigt Technologien, Verhaltensweisen, Institutionen und Abkommen auf, die notwendig sind, um die von vielen Wissenschaftlern prognostizierte Klimakatastrophe abzuwenden.

Neue Chancen in einer grünen Ökonomie

Knapp 40 Autoren, darunter Klima-, Energie- und Wirtschaftsexperten, präsentieren aktuelle Daten und Fakten zum Klimawandel und stellen Klimaschutzmaßnahmen vor, die unter anderem die Nachfrage und Beschäftigung fördern können. Wer heute in den ökologischen Umbau der Wirtschaft investiere, werde auch bei künftiger Ressourcenknappheit, hohen Energiepreisen und hohen Kosten der Reduktion und des Ausgleichs von CO2-Emissionen entscheidende Wettbewerbsvorteile haben, heißt es in dem Bericht. Insbesondere die boomende Windkraft und Solarenergie, aber auch die Umstellung auf energieeffizientere Systeme (z.B. im Bausektor), die biologische Landwirtschaft und die Agroforstwirtschaft schaffen Arbeitsplätze. Ein wichtiger Baustein ist eine nachhaltigere Mobilität, nicht nur – aber auch – mit Elektroautos, die aus erneuerbaren Energiequellen gespeist werden.

Ganz praktisch umsetzbare Ansätze bietet der Worldwatch-Bericht zum Thema Landwirtschaft. Er nennt eine ganze Reihe landwirtschaftlicher Methoden, die u.a. die Bindung von Kohlenstoff erhöhen können. Dazu gehört zum Beispiel der Anbau mehrjähriger statt einjähriger Feldfrüchte (insbesondere auch als Tierfutter), der Verzicht auf das Pflügen der Böden, die Agroforstwirtschaft, innovative Beweidungssysteme und Futterzusatzstoffe zur Reduzierung von Methanemissionen bei Wiederkäuern wie Rindern und Schafen. Biogas-Fermenter zur Energieerzeugung werden befürwortet, denn selbst wenn durch das Verbrennen von Methan Kohlendioxid entstehe, habe dieses doch eine weitaus geringere Klimawirkung als Methan selbst.

Klima-Engineering und Marktinstrumente

Neue Technologien, wie Klima-Engineering oder die CO2-Abtrennung und -Speicherung, werden im Worldwatch-Bericht diskutiert, aber tendenziell eher verworfen. Klima-Engineering heißt, man könnte zum Beispiel Staub in die Atmosphäre blasen, um einen Kühlungseffekt zu erzielen. Dies könnte jedoch unerwartete Nebenwirkungen haben, die sich als „ökologisch verheerender erweisen könnten, als die Probleme, die sie eigentlich lösen sollten“.

Die CO2-Abtrennung und -Speicherung, zum Beispiel in Kohlekraftwerken, würde weit weniger nützen als Investitionen in erneuerbare Energien oder Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz. Würden Mittel etwa aus dem Mechanismus zur umweltgerechten Entwicklung („Clean Development Mechanism“ – CDM) dafür eingesetzt, wäre dies eher kontraproduktiv, denn diese Mittel würden damit aus anderen Bereichen abgezogen.

Der Bericht untersucht auch Marktinstrumente, mit denen Anreize und Sanktionen geschaffen werden können, um dem Klimawandel Einhalt zu gebieten. Dazu gehören zum einen CO2-Steuern, zum anderen der Emissionshandel nach dem so genannten „Cap and Trade-System“. Beide haben jedoch auch Nachteile. So würde eine CO2-Steuer weniger zu Emissionsreduktionen in den Unternehmen führen, während der Emissionshandel bei allen Beteiligten organisatorische Strukturen erfordert, die erst einmal geschaffen werden müssen. Zudem muss er gerecht organisiert sein. Das ist schwierig, da sich die Reichen leichter Emissionsrechte erkaufen können, während die Armen diese Möglichkeit nicht haben. Zugleich bedeutet Entwicklung in armen Ländern, dass ihr Energieverbrauch steigt.

Waldschutz und Anpassungsstrategien

Viele Entwicklungsländer profitieren wirtschaftlich von der Rodung ihrer Wälder, doch für das Klima sind Abholzung und Landrodung fatal, denn die Wälder lagern zumindest vorübergehend Kohlenstoff ein. Deshalb spielt die zu vermeidende Entwaldung in den Klimaverhandlungen eine wichtige Rolle. Allerdings, so betonen die Worldwatch-Autoren, sei beides nötig: Regenwald zu schützen und die Treibhausgasemissionen drastisch zu senken. „Wenn vermiedene Entwaldung in den Emissionshandel einbezogen und einem Ziel der Industrieländer von 30 Prozent oder weniger gegengerechnet wird, wäre das ein Ausverkauf für das globale Klima“, schreiben Christoph Bals und Larissa Neubauer in ihrem Einführungsbeitrag zur deutschen Ausgabe. Eine Finanzierung des Waldschutzes durch den Emissionshandel sei jedoch durchaus denkbar, aber über einen anderen Finanzierungsmechanismus.

Um dem Klimawandel zu trotzen, muss die Widerstandsfähigkeit von Mensch und Natur gestärkt werden. Das heißt, die Menschen brauchen eine Vielzahl an Einkommensquellen, und Ökosysteme müssen ausreichend geschützt werden, um sich auf natürliche Weise an den Klimawandel anpassen zu können. Der Erfolg von Anpassung, so räumen die Autoren ein, sei allerdings sehr schwer messbar, denn er wird sich in der Regel "nur" an Ereignissen zeigen, die nicht eingetreten sind, d.h. Häusern, die nicht zerstört werden, Menschen, die nicht erkranken, und Kinder, die nicht unter Mangelernährung leiden.

Bei den Ärmsten der Armen geht es bei der Stärkung der Widerstandsfähigkeit nicht darum, den Status quo beizubehalten, sondern darum, ihren Lebensstandard nachhaltig so zu verbessern, dass ihre Probleme durch den Klimawandel nicht noch verschärft werden. Das Ziel sei „nicht die ’Erholung’ von Schock- und Stresssituationen, sondern Fortschritt, d.h. ein Prozess, der es den Menschen ermöglicht, künftige Schock- und Stresssituationen besser zu bestehen – mit weniger Schäden für Mensch, Hab und Gut.“ (Christina Kamp)

Zur Lage der Welt 2009, Ein Planet vor der Überhitzung, Worldwatch Institute, in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2009, 320 Seiten


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