Einen Schwerpunkt der Ausgabe 68 des Informationsdienstes „Bevölkerung & Entwicklung“ vom Juli 2009 bilden die Auswirkungen des Klimawandels auf arme Länder. Der Dienst, der von der „Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen“ herausgegeben wird, enthält drei Beiträge zu dieser Thematik. Es geht u.a. um die Auswirkungen des Klimawandels auf die globale Migration. Dabei wird die Notwendigkeit von Maßnahmen zur Anpassung an unvermeidbar gewordene Auswirkungen des Klimawandels betont. Beim „McPlanet.com“-Kongress im April 2009 in Berlin hatten Klimafragen einen hohen Stellenwert, und es wurde betont, dass der Klimawandel bestehende sozioökonomische Ungleichheiten und soziale Probleme verschärft. Der Informationsdienst enthält außerdem einen Beitrag über die Anpassung an den Klimawandel in Bangladesch. Diesen Beitrag veröffentlichen wir hier:
„Land unter“ – eine häufige Erfahrung in Bangladesch
Rund eine Million Menschen in der südwestlichen Küstenregion Bangladeschs leben mit “Land unter”. Weitere fünf Millionen Menschen und das Ökosystem der Sundarbans, der größte Mangrovenwald der Welt, sind gefährdet, da das Meerwasser nicht abfließt und die Böden versalzen. Die armen Küstenbewohner sind zunehmend vom Wasser eingeschlossen und verlieren den Zugang zu den Ressourcen der Feuchtgebiete. Für sie ist der Klimawandel kein entferntes Zukunftsszenario, sondern heute schon Realität, berichtet S. Jahangir Hasan Masum von „Coastal Development Partnership“ (CDP), einer auf Menschenrechte fokussierten Nichtregierungsorganisation in Bangladesh.
Mehr als 70 Prozent der Landfläche in der südwestlichen Küstenregion Bangladeschs liegen kaum einen Meter über dem Meeresspiegel. Durch die Auswirkungen des Klimawandels wird es für die vom Wasser eingeschlossenen Menschen noch schwieriger, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, gesund zu bleiben, in Sicherheit zu leben und eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen.
Mit der Überflutung weiter Teile der Küstenregion eröffneten sich Möglichkeiten für reiche Investoren, Garnelenzucht in Monokultur zu betreiben. Doch durch die unkontrollierte Garnelenzucht wurden aus den Feuchtgebieten dauerhaft von Wasser eingeschlossene Gebiete. Als Reaktion auf die steigende Nachfrage aus den Industrieländern und die Politik von Weltbank und Internationalem Währungsfonds (IWF) wurde die Garnelenzucht immer weiter ausgeweitet. Um die Menschen der Region von den Feuchtgebieten fernzuhalten, haben korrupte Regierungsbeamte die Feuchtgebiete zu Gewässern umdeklariert und für die Garnelenzucht verpachtet. Diese rücksichtslose und unmenschliche Politik setzt die Lebensgrundlagen der Menschen aufs Spiel.
Es muss dringend etwas getan werden, um die Beteiligungsmöglichkeiten der Bevölkerung zu stärken und die Entwicklungsanstrengungen neu auszurichten: Das Wichtigste sind der Schutz der Natur und ein umsichtiges Management der natürlichen Ressourcen in den Mangrovenwäldern der Sundarbans. Während sich die Produktivität und die Kapazitäten des Ökosystems der Sundarbans immer weiter verschlechtert haben, fällt es der armen Landbevölkerung immer schwerer, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Durch die Versalzung der Böden, den Verlust an Bodenfruchtbarkeit, das stehende Wasser und die Verschlammung haben die Armen immer weniger Einkommensmöglichkeiten. Denn sie können weniger Tiere halten, weniger Nahrungsmittel anbauen, weniger Fisch fangen. Ihre Ernährungssicherheit ist in Gefahr. Die Anfälligkeit der sechs Millionen ländlichen Armen, die von den Sundarbans direkt abhängig sind, wird sich in Zukunft noch weiter erhöhen.
Der einzige Ausweg besteht darin, Möglichkeiten zu finden, wie das Ökosystem wiederhergestellt werden kann und große Teile der Bevölkerung wirtschaftlich und politisch gestärkt werden können – durch besseren Zugang zu Ressourcen und Institutionen, durch den Transfer und Einsatz neuer Technologien und durch Diversifizierung ihrer Lebensgrundlagen. Die vom Wasser eingeschlossenen Gemeinschaften sind schon heute ausgesprochen innovativ in ihrer Anpassung an den Klimawandel. Sie legen schwimmende oder hängende Gärten an, und Nichtregierungsorganisationen arbeiten daran, salztolerante Chilis, Senf, Mais und Kartoffeln einzuführen.
Von den Armen lernen
Ironischerweise kann der Lernprozess der Armen in Bangladesch helfen, wenn es darum geht, auch in anderen Teilen der Welt die Lebensgrundlagen der Menschen zu sichern, die sich an den steigenden Meeresspiegel anpassen müssen. Doch die Frage ist, ob die alphabetisierte Gemeinschaft – oder wie auch immer wir uns nennen mögen – bereit ist, von den des Lesens und Schreibens unkundigen Armen zu lernen, um unseren Lebensstil an eine Zukunft anzupassen, in der wir mit dem Klimawandel leben müssen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Organisation „Coastal Development Partnership“ CDP sind überzeugt, dass sich viele noch ungenutzte Möglichkeiten identifizieren, ausbauen und als nachhaltige Optionen zur Sicherung der Lebensgrundlagen verbreiten lassen, wenn man das traditionelle Wissen um die Überlebensmechanismen, Praktiken und Innovationen einer Region mit hoher Klimaanfälligkeit sorgfältig dokumentiert.
Eine solche Initiative erfordert jedoch Anstrengungen, mit den Menschen vor Ort gemeinsam zu arbeiten und nicht einfach nur Dienstleistungen zu erbringen, die einer „Zielgruppe“ zu Gute kommen. Und es erfordert große Solidarität und eine proaktive Rolle der globalen Zivilgesellschaft, denn die Probleme der vom Wasser eingeschlossenen Gemeinschaften sind zwar lokale Probleme, doch diejenigen, die hier ihre Machtspiele betreiben, sind globale Akteure. Auf dem Spiel steht auch der Fortbestand der Sundarbans – ein unter der Ramsar-Konvention international geschütztes Feuchtgebiet und ein einzigartiges Weltnaturerbe.
S. Jahangir Hasan Masum
S. Jahangir Hasan Masum ist Direktor der Nichtregierungsorganisation „Coastal Development Partnership“ (CDP), Bangladesch. Seit 1997 setzt sich CDP dafür ein, Ökosysteme zu schützen, die Verletzbarkeit gegenüber dem Klimawandel und die Umweltzerstörung zu verringern, Nahrungsmittelunabhängigkeit zu sichern und die Rechte der Armen an den natürlichen Ressourcen in der Küstenregion von Bangladesch zu stärken.
Übersetzung aus dem Englischen: Christina Kamp
Die aktuelle Ausgabe des Informationsdienstes „Bevölkerung & Entwicklung“ können Sie
hier herunterladen. (FKP)
Foto: Copyright CPD/Bangladesch