Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen
Bei der UN-Klimakonferenz weigerten sich am Montagvormittag die Vertreter zahlreicher EntwicklungslĂ€ndern, an den Sitzungen der Arbeitsgruppen teilzunehmen. Der afrikanischen Initiative schlossen sich viele andere Entwicklungs- und SchwellenlĂ€nder an, darunter auch China und Indien. Sie fordern, dass die reichen Staaten ihre Ziele zur Senkung klimaschĂ€dlicher Treibhausgase höher stecken mĂŒssten. AuĂerdem verlangen sie eine Rechtsverbindlichkeit fĂŒr das neue Klima-Abkommen. Das 2012 auslaufende Kyoto-Protokoll ist bislang das einzige bindende Abkommen ĂŒber Kohlendioxid-Reduktion von Industriestaaten. FĂŒr Entwicklungs- und SchwellenlĂ€nder sind darin keine verbindlichen Verpflichtungen enthalten.
Bereits letzte Woche hatten EntwicklungslĂ€nder dem dĂ€nischen Regierungschef Lars Rasmussen vorgeworfen, der Entwurf fĂŒr ein neues Klima-Abkommen berĂŒcksichtige nur die Interessen der Industriestaaten. Vor allem die afrikanischen LĂ€nder sind darĂŒber verĂ€rgert, dass derzeit nicht ĂŒber eine zweite Verpflichtungsperiode fĂŒr das Kyoto-Protokoll verhandelt wird. Die Mehrheit der entwickelten LĂ€nder will vielmehr das Kyoto-Abkommen in einen neuen Klimavertrag einbinden, weil sich die USA die erste Ăbereinkunft nie ratifiziert haben und nicht daran gebunden fĂŒhlen.
Viele Industriestaaten fĂŒrchten, dass eine Neuauflage des Kyoto-Protokokolls die groĂen SchwellenlĂ€nder nicht ausreichend in die Pflicht nehmen wĂŒrde. "Wenn wir diesen Weg gehen, werden wir ĂŒberhaupt keine Einigung bekommen", warnte der britische Energie- und Klimaschutzminister Ed Miliband. DemgegenĂŒber erklĂ€rte Djemouai Kamel, der algerische Vorsitzende der afrikanischen Gruppe, in Kopenhagen: âWir erleben den Tod des Kyoto-Protokolls.â
Der zeitweilige Boykott der Verhandlungen löste unterschiedliche Reaktionen aus. Der schwedische Umweltminister und EU-VerhandlungsfĂŒhrer Andreas Carlgren Ă€uĂerte, âwir haben von Seiten der EntwicklungslĂ€nder sehr unterschiedliche Stimmen aus dem Plenum gehörtâ. Blockieren sei der schlechteste Weg, fĂŒgte er hinzu. âAlles muss offen diskutiert werden.â Der Leiter der EU-Parlamentsdelegation Jo Leinen berichtete vom Misstrauen zwischen den LĂ€ndern: âEs ist nicht nur drauĂen, sondern auch hier drinnen eiskalt.â Auch innerhalb der Gruppe der EntwicklungslĂ€nder gebe es unterschiedliche Meinungen. âDas sind mehrere Welten in einer.â Die australische Klimaschutzministerin Penny Wong warf den afrikanischen Delegationen GeschĂ€ftsordnungstricks und fordere, "zur Sache zu kommen".
UnterstĂŒtzung erhielten die EntwicklungslĂ€nder vom russischen PrĂ€sidenten Dmitri Medwedew. Er forderte mehr RĂŒcksicht auf die Situation in diesen LĂ€ndern. Neue Klimaziele mĂŒssten die unterschiedlichen Bedingungen in jungen Industrienationen berĂŒcksichtigen, sagte Medwedew. Die Verpflichtungen dĂŒrften den "jeweiligen wirtschaftlichen Möglichkeiten und PrioritĂ€ten eines Landes" nicht zuwiderlaufen. Er bekrĂ€ftigte, dass Russland seinen AusstoĂ an Treibhausgasen bis 2020 im Vergleich zu 1990 um 25 Prozent reduzieren wolle.
Der Chef des UN-Klimasekretariats Yvo de Boer zeigte sich verhalten optimistisch. Er bestritt, dass es eine Blockade der GesprĂ€che gebe und verglich die Verhandlungen mit einer Bergbesteigung. Man sei nun auf halber Höhe, betonte er und fĂŒgte ironisch hinzu, nun warte man auf die Seilbahn fĂŒr den Rest der Reise, der "schnell, reibungslos und entspannend" sein werde.
"Die Unsicherheit ĂŒber die Zukunft des Kyoto-Protokolls verursacht viel Misstrauen und Verstimmungen bei den Verhandlungen", sagte Kim Carstensen von der Umweltstiftung WWF. GegenĂŒber BBC Ă€uĂerte er: âDer Punkt, der sehr laut gemacht wird, ist, dass die afrikanischen LĂ€nder und der gröĂere G77-Block ein Nicht-Handeln im Blick auf die das Kyoto-Protokoll nicht akzeptieren werden. Und sie fĂŒrchten sich wirklich davor, dass ein Vertrag hinter ihrem RĂŒcken gestrickt wird.â Jeremy Hobbs von Oxfam International erklĂ€rte: âAfrika hat die ReiĂleine gezogen, um zu vermeiden, dass der Zug am Ende der Woche gegen die Wand fĂ€hrt.â
Die dĂ€nische KonferenzprĂ€sidentin Connie Hedegaard nahm nach dem Auszug der Delegierten aus dem SĂŒden der Welt aus den Verhandlungsrunden informelle GesprĂ€che mit allen Umweltministern auf, um so neuen Schwung in die Verhandlungen zu bringen. Nach einer mehrstĂŒndigen Pause kehrten die Delegationen aus Afrika und anderen EntwicklungslĂ€ndern am SpĂ€tnachmittag an den Verhandlungstisch zurĂŒck, nachdem ihnen zugesagt worden war, es werde Verhandlungen spezifisch zur FortfĂŒhrung des Kyoto-Protokolls geben. An der Vermittlung zwischen Industrie- und EntwicklungslĂ€ndern war Bundesumweltminister Norbert Röttgen beteiligt.
âZeit ist jetzt unser schlimmster Feindâ, hieĂ es am Montagabend aus Kreisen der Organisatoren der Klimakonferenz. Der britische Premierminister Gordon Brown, der am Dienstag in Kopenhagen erwartet wird, warnte angesichts des Konflikts vor einer Spaltung der Staatengemeinschaft: âJetzt ist die Zeit fĂŒr Industrie- und EntwicklungslĂ€nder, sich nicht zu entzweien, sondern das zu tun, was keine Konferenz mit 192 Staaten je zuvor erreicht hat.â
UN-GeneralsekretĂ€r Ban Ki-moon kĂŒndigte an, er werde in Kopenhagen zwischen Industriestaaten und EntwicklungslĂ€ndern vermitteln. âJetzt ist der Zeitpunkt, um zu handelnâ, sagte Ban Ki-moon vor seiner Abreise zur Klimakonferenz. Am Ende der Verhandlungen mĂŒsse eine verbindliche Vereinbarung zum Klimaschutz stehen. (Frank KĂŒrschner-Pelkmann)